Der Rosinenmann
Stumm lächelnd ging er durch die Straßen. In der Hand eine Packung Rosinen - getrocknete Trauben, praktisch vom Himmel in seine Hände gefallen.
Dunkelheit umfing die Straßen, es war Nacht. Es wären sechs Minuten gewesen, bis es eine Stunde nach Mitternacht geschlagen hätte, als er aufgebrochen war.
Befreit von bedrückendem Staub war er losgegangen und hatte dieses wundersame Geschenk überreicht bekommen - in Form einer Tüte Rosinen. Auch eine orangefarbene Karte war dabei gewesen, auf der Worte standen, die er nicht lesen konnte. Aber er wusste, was darauf stehen würde. Von Glück würde die Rede sein, von Freiheit und geschenktem Essen.
Es war schön, dass sie ihm das schenkten. Er hatte die Packung noch nicht geöffnet, nicht öffnen können.
Seine Blicke wanderten an den Himmel, an dem ein buntes Feuerwerk zu sehen war. Rufe waren in weiter Entfernung zu hören.
Grinsend ging er weiter an großen Leuchtfeuern vorbei. Vor den großen Flammen saßen ein paar alte Menschen und blickten zu Boden.
Eigentlich konnte es nicht schaden, hier eine Pause einzulegen, dachte der Wandernde und setzte sich hinüber zu den - auf einem Stück Mauer - Sitzenden.
Nach einer Weile blickte ein graubärtiger zu dem Rosinentütenmann.
„Was ist geschehen?“, fragte er.
„Sie haben… mir Rosinen geschenkt. Gute Rosinen. Wie lange habe ich die nun schon nicht mehr gegessen. Endlich kann ich sie wieder genießen.“
Der Alte blickte zu seinem Sitznachbarn auf der anderen Seite. Der war ebenfalls grauhaarig, trug allerdings nur einen Schnauzbart.
„Hm, hast Du das gehört? Er hat Rosinen bekommen. Rosinen!“. Erst jetzt fiel dem Rosinenmann auf, dass der Alte ein kleines Album in den Händen hielt.
„Hast Du das auch geschenkt bekommen?“, fragte er den Alten schließlich.
"Nein, man hat es mir geraubt. Alles darin ist weg. Einfach so."
Der Rosinenmann blickte wieder auf die Tüte in seinen Händen. „Mir haben sie das hier geschenkt.“
„Aber sie haben Dir doch sicher auch etwas genommen?“, fragte der Alte.
„So süße Rosinen. Die schmecken bestimmt gut. Und sind gesund.“, erwiderte sein Gegenüber.
„Ja, ja.“, sagte der Alte gedankenversunken, blickte wieder zu Boden und der Himmel wurde von einem wunderschönen Funkenregen erleuchtet. Lautes Donnergrollen ertönte, das sogar den Boden zu erschüttern schien.
„Das war in der Stadt. Sicher war das dort.“, bemerkte der Alte mit Schnauzer nur knapp.
Keiner antwortete. Nur der Mann mit der Rosinentüte murmelte etwas von „Sonnenaroma“ und „natürliche Süße“.
„Mir haben sie alles genommen. Sogar meine Oliven sind zerstört, diese Vandalen. Haben sie Dir nichts genommen?“, fragte der Alte mit Vollbart erneut ungläubig.
„Gute Rosinen, wirklich sehr gut. Ich muss gleich einmal probieren, wie die schmecken.“
„Du mit Deinen Rosinen. Du hast es gut. Schau an was wir haben! Nichts! Genommen hat man uns alles - nichts gegeben.“
Der Rosinenmann zuckte zusammen und blickte zu dem Alten, als habe er ihn nun zum ersten Mal wirklich wahrgenommen.
„Alter, wie viel Uhr haben wir?“
Der Alte blickte auf eine verstaubte Armbanduhr und suchte das Licht der lodernden Flammen.
„Es ist kurz vor fünf.“
„Gut, dann ist noch Zeit. Ich muss nämlich die Ziegen füttern.“
„Ziegen?“, stieß der Alte laut aus. „Du hast auch noch Ziegen? Rosinen und Ziegen? Sie haben Dir die Ziegen nicht genommen?“
„Die Ziegen! Wurden vielleicht vom Feuerwerk verschreckt.“, erwiderte der Rosinenmann und sprang auf.
„Haben sie bei Dir auch gewütet?“
„Gewütet?“
„Ja, schau Dich doch um. Im restlichen Land wird es nicht anders sein. Das ist der Preis für die Rosinen.“
„Nein,…das sind gute Rosinen. Süß und gesund.“, der Rosinenmann ging nervös auf und ab. „Ich beweis es Dir. Sie sind zuckersüß. Bestimmt!“. Mit zitternden Händen riss er die Packung mit den getrockneten Trauben auf und stopfte sich eine davon in den Mund.
Die Alten blickten zu ihm und warteten gespannt auf die Reaktion.
Nach einem kurzen Moment verzog der Rosinenmann das Gesicht.
„Sind sie nicht gut? Überreif?“, fragte der Alte.
Das bisher allgegenwärtige Lächeln wich aus dem Gesicht und Tränen rannen aus seinen Augen.
„Nein,…“, der Rosinenmann zögerte und warf die Packung in hohem Bogen in eine der lodernden Flammen. „Nein, ...sie schmecken nach meines eigen Fleisch und Blut!“
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