| ...Können Sie sich vorstellen, dass sie Angst vor dem Gang zum Metzger, zurApotheke haben? Dass ihnen größere Menschenansammlungen das Herz bis zum Hals schlagen lassen oder ihnen die Begegnung mit ihrer eigenen Schulklasse die Luft abschnürt? Dies alles und viel mehr ist einem jungen Mann passiert, die viele Jahre lang unter Angstattacken litt. Nach schulischem und beruflichem Scheitern steht der Mittzwanziger aber heute mitten im Leben, eine Therapie hat ihm entscheidend geholfen und jetzt hat er ein Buch über sein Leiden und den Weg hinaus geschrieben. Wer hat Angst vorm bösen Wolf. Torsten Jäger und Rainer Witt haben sich getroffen. |
Ich will das erstmal nicht glauben, dass der nette junge Mann mit dem sympathischen, offenen Lächeln der ist, der mir auf knapp 100 Seiten als angst schlotterndes Bündel Mensch begegnet ist. Wir sprechen darüber, wie alles anfing da waren die stets besorgten, oft auch überforderten Eltern mit ihrem Patentrezept, den Jungen...
Zu schützen eben vor der Welt draußen, vor den Mitschülern, vor Kindern bzw. vor irgendwelchen Hänseleien oder irgendwelchen Bösen eben.
Das zu wohl behütete Kind lernt nicht, wie man soziale Kontakte aufbaut, er ist rat- und hilflos und gerät schon im Kindergartenalter in die Isolation Looser nennen Kinder so einen respektlos, und der kriegt dann auch als Schwächster immer alles ab:
Im Kindergarten hatte ich eben die Probleme, dass ich überhaupt nicht auf andere Kinder zugehen konnte, durch das, dass ich eben so geschützt war wusste ich überhaupt nicht, wie man auf Menschen zugeht.
Gibt es Probleme, schreiten die Eltern ein, Torsten lernt nicht, Konflikte zu verarbeiten oder gar zu lösen. Das beschreibt er mit viel Wortreichtum und griffigen Bildern in seinem Buch, das wie ein Seelenkrimi daherkommt.
In der vierten Klasse war es hat sich die Isolation so weit ausgeweitet dass meine Mitschüler eben sich eben einen Sündenbock gesucht haben, und dann dementsprechend auf mir rumgehackt haben.
Torsten igelt sich zu Hause ein, auf 500 Quadratmetern Haus und Garten in der Nähe von Mainz. Die Eltern, sie dürften uns im Moment zuhören, wollten das Beste für den Jungen und haben alles falsch gemacht. Kein Tabuthema in der Familie, überforderte Eltern, das ist keine Seltenheit.
Die konnten nicht helfen weil, sie haben dann eher noch abgeschottet als dass sie gesagt haben, jetzt geh mal auf die anderen Menschen zu, auf die Mitschüler zu, sondern haben sich eben vor mich gestellt und haben mich eben dann geschützt und haben dann alles noch schlimmer gemacht, als es schon war.
Einen schweren Knacks hat Torsten dann in der Hauptschule abbekommen, Lehrer und Eltern knöpften sich immer wieder die vor, die ihn häufig gehänselt hatten, und es schien sich ein Kompromiss abzuzeichnen es gab ein Angebot der Mitschüler:
Also man könnte jetzt eigentlich Frieden schließen sich nicht mehr dauernd zu streiten
Der Hoffnungsschimmer, der in Torsten hochkam, wurde jäh zunichte gemacht-die Mitschüler
Haben mich eben dann in der Zeit abgelenkt und ein anderer hat mir eben dann eine Maus ins Mäppchen, ins Schulmäppchen gepackt, eine tote Maus.
Torstens Leidenszeit wurde schlimmer, die Isolation größer und die Angst:
Durch die Angstattacken, durch das Hyperventilieren und durch die schlimmen Angstattacken musste ich aber irgendwas machen und habe mich dann notgedrungen auf die Therapie eingelassen
Die Therapie hilft Torsten aus dem dunklen Loch obwohl es eine lange Wegstrecke war mit immer wieder neuen Ängsten. Er holt seinen Realschulabschluss nach, baut soziale Kontakte auf, traut sich mit Freunden in ein Bistro, er verschreibt sich einer Partei, einer Naturschutzorganisation, merkt, dass Kontakte Freude und Freunde bringen. Ein Prozess über Jahre. Im Dezember 2002 setzt sich Torsten, inzwischen auch um 10 Kilo abgespeckt, hin und schreibt seine Lebens- und Leidensgeschichte auf. Die jetzt mit 1000 Exemplaren, die einem die dunkelsten Seiten eines Ichs aufzeigen, auf dem Markt ist. Nicht, weil Torsten Jäger glaubt, ein verhinderter Schriftsteller zu sein:
Also ich will Betroffenen Mut machen, sich auf Therapie einzulassen, auf die Konfrontation mit der Angst einzulassen, nicht wegzulaufen sondern sich eben zu stellen weil das ist die einzige Möglichkeit.
Torsten gibt uns mit dem Büchlein, für dessen Druck er auch Erspartes investiert hat, ein ganz, ganz aufrichtiges Stück Lebenshilfe an die Hand. Bevor wir auseinander gehen drückt er mir fest die Hand, erzählt noch, dass er an einer Fortsetzung schreibt und begründet das mit leiser Stimme:
Weil - sonst läuft man vor sich selbst weg.