...Es war also soweit. Nachdem ich meine körperlichen Probleme einigermaßen unter Kontrolle hatte, hieß es nun, ein erstes Etappenziel zu setzen.
Das Ziel war schnell gesetzt, doch die Umsetzung gestaltete sich problematischer, als zu nächst gedacht.
Denn ich hatte Angst - Angst davor, zusammenzubrechen. Ich traute meinem Körper einfach sehr wenig zu. Allem Anschein nach arbeitete er auf Sparflamme.
Daher hatte ich mit meinem Therapeuten zunächst meine Ängste analysiert, hatte die Auflistung aller Gedanken, die ich vor oder während einer Panikattacke erfassen konnte, aufgeschrieben und mit zur Therapiestunde gebracht.
Schnell hatte sich herausgestellt, dass es zu diesem Zeitpunkt eben die Angst vor der Angstattacke bzw. deren Symptomen war, die mich an Aktivitäten hinderte.
Was sollte ich also tun, wenn mich die Angst vor der Angst derart lähmte?
Nachdem wir meine schlimmsten Horrorgedanken durchgespielt hatten, war die Antwort klar. Doch sie gefiel mir nicht! Denn sie hieß, dass ich gegen meinen Schutzmechanismus arbeiten musste. Ich musste mich in eine Situation begeben, die - wenn ich bloß an sie dachte – die Alarmsirenen in meinem Kopf ertönen ließ.
Denn mein erstes Ziel war – für Menschen ohne Angsterkrankung in der Regel ein leichter Weg – der Gang zur nächsten Bäckerei.
Sie war nur etwa 100 Meter von meinem Wohnhaus entfernt, doch für mich war dieser Weg ein Spießroutenlauf – wieder bildlich dargestellt – durch den großen, dunklen Wald.
Wer konnte mir garantieren, dass ich diesen Weg schaffen würde?
Woher sollte ich wissen, dass ich körperlich tatsächlich gesund war?
Vielleicht hatte mein Hausarzt doch Unrecht gehabt?
Schließlich ging es mir schon schlecht, bevor ich mich auf den Weg zum Bäcker gemacht hatte. Wie sollte ich dann auch noch diesen Weg schaffen?
Jene Strecke, diese 100 Meter, stellten für mich eine riesige Herausforderung dar.
Um an einen berühmten Spruch der jüngeren Geschichte anzuknüpfen: Es waren nur ein paar Schritte für einen „normalen“ Menschen, doch ein großer Schritt für mich.
Doch ich war fest entschlossen und motiviert diese Hürde zu nehmen – … und hatte eine solche Angst, dass ich das Gefühl hatte, meine Knie bestünden aus Wackelpudding. Mein Herz raste wild wie eine rebellierende Kraft in mir, die sagen wollte: Geh nicht!
Auch meine Mutter half mir nicht gerade, als sie mich fragte, ob es mir denn gut gehe. Auf solche Fragen reagierte mein Innerstes allergisch. Schon schossen mir die schlimmsten Horrorphantasien durch den Kopf. `Was, wenn ich jetzt zusammenbreche? Was geschieht, wenn ich einen solchen Anfall wie damals am 26.März bekomme?´.
Es fiel mir sehr schwer, diese Horrorgedanken zu erfassen und zu erkennen, da die bevorstehende Herausforderung schlicht meinen gesamten Kopf blockierte.
Doch ich erkannte schon jene so genannten Horrorgedanken. Jene empfand ich zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht als unangemessen, sondern eher als angebracht.
Mit noch weicheren Knien stand ich da und war mir nicht sicher, was ich tun sollte.
`Hinterfragen!´, schoss es mir durch den Kopf. `Ich muss meine Gedanken hinterfragen! Wie wahrscheinlich sind meine Befürchtungen? – Eigentlich eher unwahrscheinlich!´, antwortete ich mir gedanklich selbst, doch so sicher war ich mir mit dieser Antwort nun auch wieder nicht.
Ich entschloss mich jedoch trotzdem glücklicherweise an diesen 16. Mai 1997, den Gang zum Bäcker anzutreten.
Also stieg ich die Treppen unseres Hausflures hinab, erhaschte noch einen kurzen Blick von meiner Mutter, die mir besorgt nachsah.
Zögerlich ging ich hinaus in unseren Hof. Langsam näherte ich mir der Hofeinfahrt – der Grenze zwischen meiner sicheren und der bösen, dunklen, unbekannten, gefährlichen Welt dort draußen. Sollte ich doch lieber umdrehen? – Nein, ich wollte mich der Angst stellen und mit wild rasendem Herzen und zitternden Knien überschritt ich die Grenze zwischen „sicher und unsicher“.
Jeder Schritt, den ich mich von meinem vertrauten Zuhause entfernte ließ meine Beine scheinbar schwerer und schwerer werden. Meine Hände und Füße waren kalt und schienen sich in schwer bewegliche Eisklumpen zu verwandeln. Meine Atmung wurde schneller, doch ich versuchte so ruhig wie nur möglich durchzuatmen.
Die schlimmsten Befürchtungen schossen mir durch den Kopf und ich bewegte mich mit beschleunigtem Schritt weiter durch den „unbekannten Wald“.
Die Geister von damals schienen wieder zurückgekehrt zu sein – jener vom Wolf, vom Fuchs und der von der Schlange.
Langsam schlichen sie sich wieder zurück in meine Gedankenwelt, versuchten Besitz zu ergreifen von meinen Gefühlen.
Mein Herz schlug einen schnellen, bedrohlichen Rhythmus dazu und es kam mir so vor, dass es düster wurde um mich herum. Eine beängstigende Dunkelheit umschloss mich.
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